Die Belagerung Wiens ist nicht der erste Akt eines einfachen Marsches nach Westen. Seit dem 10. Mai hat Süleymans Heer Balkan und Ungarn unter Regenfällen durchquert, die Flüsse anschwellen lassen, Brückenschläge verzögern und den Tross belasten. Es nimmt Buda zurück und setzt Johann Zápolya wieder ein, bevor es bis zu Ferdinands Residenz vordringt. Der Feldzug hat bei seiner Ankunft vor Wien also bereits ein ungarisches Ziel erreicht; für die Belagerung stehen jedoch weder eine ganze Saison noch dieselbe Durchschlagskraft wie vor einer früher erreichten Festung zur Verfügung.
Die Stadt ist noch nicht die große Bastionsfestung späterer Pläne. Ihre mittelalterlichen Mauern werden mit Erde, Holz und improvisierten Stellungen verstärkt. Vorstädte werden beim Herannahen des Feindes geräumt, niedergebrannt oder abgetragen, doch ihre Ruinen bieten auch den Belagerern Deckung. Salm und die Kommissare teilen den Umfang unter heterogenen Kontingenten auf; der Abschnitt am Kärntnertor im Süden erhält Männer und Geschütze, weil dort der gefährlichste Angriff zu erwarten ist.
Die Einschließung sperrt Straßen und Donau, überwindet aber die Mauer nicht. Feldgeschütze beunruhigen und beschädigen, ohne überall methodisch eine Bresche zu schlagen. Ibrahim lässt daher Stollen unter die Südfront treiben. Die Verteidiger unternehmen Ausfälle, horchen, graben Gegenstollen, nehmen Pulverkammern und bessern hinter den Explosionen aus. Am 9. und 12. Oktober stürzen Mauerteile ein; die Angreifer halten dennoch keinen Durchgang. Nach weiteren Minen, Kämpfen, deren Schlussdetails in beiden Überlieferungen abweichen, und einem wegen der Vorräte besorgten osmanischen Kriegsrat würde die Fortsetzung den Rückweg durch Kälte und Sümpfe gefährden. Wien hält, weil aus der Bresche kein dauerhafter Brückenkopf wird, bevor der Feldzug die Belagerungsoption schließt.